Die Rolle der indigenen Frau des zentralen Chacos hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Als Hauptursache der Veränderung kann wohl das sesshaft werden der indigenen Volksgruppen angesehen werden. Wenn die Hauptrolle der indigenen Frau auch weiterhin im Haushalt und in der Kinderbetreuung besteht, so kommen jedoch auch soziale und kommunale Verantwortungen für sie hinzu, die es der indigenen Frau ermöglichen, sich auch an der sozioökonomischen Entwicklung ihrer Gemeinschaft zu beteiligen. Außerdem engagieren sich indigene Frauen in der Gestaltung der Kirchenprogramme, besonders im Singen, im Anleiten von Bibelarbeiten in Frauengruppen und bei den Feiern. Durch die Möglichkeit der Berufsausbildung als Lehrerin und als Krankenschwester erhalten junge Frauen den Zugang zu den Arbeitsstellen in Schulen und Hospitälern. So wie sich die Rolle der indigenen Frau bis jetzt verändert hat, wird sie sich wohl auch in den nächsten Jahren verändern, damit die Frau sich den ständig neuen Herausforderungen stellen kann.
(Geschrieben von Adolf Harder, Leiter der Interkulturell-Sozial-Geistlichen Abteilung der ASCIM)
Um einen Einblick in das Leben einer Frau in einer indigenen Siedlung zu bekommen, wurde Agripina López aus der Siedlung Nivaclé Unida gefragt, ob sie ihre Erlebnisse mitteilen könne.
Sie erzählt, dass sie 28 Jahre lang Heimmutter im Mädcheninternat des Colegio Indígena Yalve Sanga gewesen sei. Dort habe sie viele verschiedene junge Mädchen kennengelernt und sehe heute, wie diese jungen Mädchen zu Frauen geworden sind, ihre Arbeit in der Siedlung haben, als Lehrerinnen oder auch Krankenschwestern dienen und auch Familien gegründet haben.
Frau López ist zurzeit Leiterin der Frauen des Dorfes Betania der Siedlung Nivaclé Unida. Sie erzählt, dass sie sich als Frauen jeden Dienstag und Donnerstag versammeln, um gemeinsam die Bibel zu studieren und über Familie zu lernen. Einige Frauen kämen zu ihr, um über ihre Familienprobleme zu sprechen: in einigen Familien betrinken sich die Kinder; Mütter erzählen, dass sie Töchter haben, die alleinstehende Mütter sind und anderes mehr. Sie meint, dass sie nur die Arbeitsstelle gewechselt habe und dass die Probleme dieselben geblieben seien: vorher habe sie im Mädcheninternat gearbeitet, jetzt arbeite sie mit den Frauen des Dorfes und der Kirche.
Auch erzählt Frau López, dass sie sich jeden Dienstagvormittag als Frauen versammeln, um den Müll (Tüten, Dosen, usw.), welcher auf den Dorfstraßen liege, aufzusammeln und zu entsorgen. Sie sagt, dass es sie beschäme, wenn sie die Tüten auf den Straßen sehe wie sie von einem Ort zum anderen fliegen. Jedoch meint sie, dass es den Frauen Spaß mache, solche Aktivitäten auszuführen. Nach der Reinigungsarbeit auf den Straßen von Betania, versammeln sich die Frauen bei der Kirche, um gemeinsam Mittag zu essen. Sie tragen verschiedene Nahrungsmittel zum Mittagessen zusammen; Bohnen, Fleisch, Kürbis, Erzeugnisse aus den Familiengärten und weiteres. Auch erzählt sie, dass die Frauen sich für die Reinigung der Kirche verantwortlich machen, die auch jede Woche ausgeführt würde.
Sie erwähnt, dass sie, gemeinsam mit dreizehn anderen Frauen, den Gemeindeleitern bei der Seelsorge behilflich sei. Diese Frauen müssen über ein gutes Bibelwissen verfügen und sollten nicht bei den Wettspielen (Volleyball, Fußball, usw.) mitmachen. Sie erklärt, dass sie als Frauen dieser Seelsorgegruppe auch mitfahren würden, wenn Evangelisationen oder kirchliche Veranstaltungen in anderen Nivaclé-Siedlungen gemacht werden, um auch dort bei der Seelsorge oder auch beim Gesang behilflich zu sein.
Weiter erklärt Frau López, dass die Komitees der Frauenarbeit nur von älteren Frauen zusammengesetzt seien, da die jüngeren Frauen ihre eigenen Arbeitsteams hätten. Die Frauenarbeit in dem Dorf Betania teilt sich in zwei Gruppen auf: ältere Frauen und jüngere Frauen. Die Aktivitäten dieser Gruppen werden separat durchgeführt, aber sie gestalten jeden zweiten Sonntag im Monat gemeinsam den Gottesdient in der Kirche.
Bezüglich der Frage, ob die Frau in der Zukunft mehr in administrative Angelegenheiten der Siedlungen mitverwickelt werden würde oder ob die Rolle der Frau auf diese Art und Weise auch weiterhin bestehen bleiben würde, antwortet Frau López, dass ihrer Meinung nach die Rolle der Frau so bleiben würde.
(Übersetzt von Elisabet Penner, Kommunikationssekretärin der ASCIM)
Gudrun de Warkentin äußert ihre Gedanken zu der Frage, wie die Rolle der Frau in den indigenen Siedlungen von einer Außenperspektive gesehen wird:
Die Beobachtungen, die ich hier mitteile, beruhen auf den Erfahrungen der letzten 3 Jahre, in denen ich häufig Kontakt mit indigenen Frauen hatte, die aber eher 35 Jahre oder älter waren. Ich wusste aus der Anthropologie, dass die meisten Ethnien im Chaco matriarchalische Kulturen sind, das heißt, die Frauen haben wohl eher „das letzte Wort“ als die Männer (patriarchalische Kultur). Wie sich das nun im alltäglichen Leben zeigt, möchte ich an einigen Beispielen erläutern:
- Es ist die Frau, die mit einem Fahrrad (nur Räder, ohne Reifen) mühsam mit zwei 20 Liter Eimern über der Lenkstange das Wasser vom Dorfbrunnen bis zu Hause schiebt, während die jungen Leute auf dem Hof Tereré trinken.
- Ich habe immer wieder Frauen auf dem Feld angetroffen, die Sesam hackten und Garben aufstellten – oft waren es mehr Frauen als Männer.
- Sie begleitet auch meistens den Mann, der das Motorrad fährt, wenn sie auf Holzsuche sind.
- Die Frau trägt auch sehr oft die Hauptverantwortung für die Pflege des Großkindes ihrer (un)verheirateten Tochter. Umso mehr, je jünger die Tochter ist.
- Sie verwaltet in sehr vielen Fällen das Geld, das der Mann außerhalb der Gemeinschaft verdient. Wenn Alkohol im Spiel ist, dann macht sie besondere Anstrengungen, das schwer verdiente Geld zu sichern, bevor er (und andere) es am Wochenende ausgeben. Dass es dabei auch immer wieder hitzige Diskussionen, Streit und Schlägereien gibt, kann man sich vorstellen.
- Es sind kleinere Frauengruppen, die sich regelmäßig zum Singen und Beten während der Woche versammeln und um das geistliche Ergehen ihrer Kinder, Groß- und Urgroßkinder und der Dorfgemeinschaft Sorge tragen.
Zusammenfassend wage ich zu behaupten: Ohne den aktiven Einsatz der Frau läuft nichts (oder nur wenig) in der Wirtschaft, Familie und auch auf geistlicher Ebene in den Siedlungen.
(Geschrieben von Gudrun de Warkentin, Koordinatorin der Frauensozialarbeit der ASCIM)


